WARUM SELBST MACHEN?

Die mit Abstand häufigste Reaktion auf das Wort „Nähkurs“ ist „i bin handwerklich ned so talentiert... sorry…!“ und ein mehr oder weniger trauriges Gesicht dazu. Deshalb habe ich euch oben eins meiner liebsten Zitate hingepflastert. Das haben jegliche Form von Kunst und Handwerk nämlich gemeinsam: man versucht etwas, so gut man kann, versucht es wieder, beim nächsten Mal wird es schon besser, das freut einen, man versucht ein drittes, das wird noch besser - und bevor man sich versieht ist man in einer Aufwärtsspirale gefangen, die einfach nur Freude bereitet. Außerdem sieht man den Erfolg, man kann ihn in der Hand halten, man kann den Erfolg anderen zeigen. Aber das Beste, das mir in letzter Zeit passieren konnte, ist einen meiner ersten erwachsenen Schülern (zwei Jahre später) wieder zu treffen. Er hat mein Schlüsselband gesehen und mich angeredet: "Schau!! Ich hab mein Selbstgemachtes noch! Und das Täschchen dazu auch! Und ich sag es jedem, dass ich das gemacht habe!!" Da kommen selbst mir hart gesottener Künstlerin die Freudentränen! Also gebt mir doch die Chance euch zu beweisen, dass nähen Spaß macht und designen sogar glücklich! In meiner Welt gibt es viele Gründe, warum man das selbst kann oder können sollte. Die wichtigsten vier möchte ich euch schnell näherbringen: 

 

Einerseits kreirt man beim Selbermachen ein einzigartiges (1) Qualitätsprodukt (2), das man als Einzige(r) besitzt. Andererseits kann man dabei auch gut die Welt und alle anderen Probleme vergessen (3) und sogar ein bisschen etwas gegen die Probleme der Welt tun (4).

 

Die Argumente gegen das Selbermachen lassen sich auch relativ leicht widerlegen. Selbst wenn man Meterware kauft, kostet ein kurzärmeliges Shirt selten mehr als 8 Euro. Ein Pullover kostet 15 Euro, da die Ärmellänge separat hinzukommt. Eine Hose auch. Ein fertiger Schnitt kostet nochmal 8-9 Euro, den kann ich aber auch hundert mal verwenden, wenn mir der Sinn danach steht. Wenn ein Schnitt einmal passt, neige ich dazu ihn wieder und wieder zu verwenden.

Das andere häufige Argument ist der Zeitaufwand, da ich das Kleidungsstück zuschneiden und zusammennähen muss. Jetzt aber mal ehrlich: wie viel Zeit geht dafür drauf im Massenangebot das passende Kleidungsstück zu finden? Ich traue mich zu wetten, dass Selbermachen schneller geht!!

 

Und dann kommt noch die Geselligkeit dazu. Eine der besten Sachen ist es immer ein paar Freund*innen zu haben, die mitmachen. Das ist mit Absicht gegendert - sobald die Männer helfen können etwas umzusetzen sind sie schon am besten Weg selbst süchtig zu werden. Dann trifft man sich - statt shoppen und schwätzen - zum nähen und erzählen und hat meistens viel mehr Spaß. Was euch dann wichtiger ist, kaffeetrinken, nähen oder Geschichten erzählen bleibt euch überlassen. Die anderen sind aber meistens auch beim Arbeiten hilfreich - wenn ich nicht weiterweiß kommt wer anderer mit einer zündenden Idee. 

 

 

EIN QUALITÄTSPRODUKT KREIREN

 

Wenn ich schon etwas Neues kaufe, will ich es auch einige Jahre mit Freude genießen können. Der sicherste Weg ist da immer nur den teuren Stoff zu kaufen und das Produkt selbst zu machen. Da weiß man, wer Schuld ist, wenn es zu schnell kaputtgeht... nein, ich mein natürlich, dass man sich dann sicher sein kann, dass es lange hält. Außerdem sind die Nähte gerade (spätestens nach 100 Metern nähen sind die gerade! :) und der Zuschnitt ist auch ordentlich geworden.

 

Aber das Beste an diesem Qualitätsprodukt ist immer das Design. Ihr lacht jetzt und denkt euch ihr seid doch gar keine Designer? Aber ich denke ihr wisst ganz genau, was ihr braucht und was ihr wollt. Welche Farben euch gefallen. Und welche Schnitte (also Kapuzenjacke oder Pulli, enger oder weiter Ausschnitt, lange Ärmel oder ärmellos...?). Und genau das näht ihr euch dann auch.

 

 

UM DIE WELT ZU VERGESSEN

 

Während der Arbeit verfällt man in einen ganz eigenartigen Zustand, der einen den alltäglichen Stress und alle Probleme vergessen lässt. Mihaly Czikszentmihaly beschreibt diesen Zustand mit dem Wort „flow“, was soviel heißt wie fließen. Es ist tatsächlich eine sehr gute Beschreibung, da alles so vor sich hin fließt, man fängt irgendwo an und plötzlich ergibt sich alles von selbst. Beim Design eines Gegenstandes kann man das nicht immer erleben, man stößt auf Steine im Fluss. Aber sobald man mit dem Nähen, Flechten, Knüpfen, … usw. beginnt, stellt sich das Gefühl des „flow“ ein. Man ist ganz bei sich und seinem Gegenstand, der Blick fokussiert sich total auf die Arbeit. Die Menschen, die mit einem immer sprechen und einem auf die Nerven gehen wollen, verschwinden in einer Art Nebel, bis man sie nicht mehr sehen kann und sie völlig vergisst. Dieser Zustand oder das Gefühl erreichen die buddhistischen Mönche in Ostasien durch Meditation. Eine erleichterte Form der Meditation ist das, was ich hier beschreibe: da man immer einen Gegenstand und einige Gedanken dazu im Fokus hat und sich nicht auf die Leere und das Nichts-Denken konzentrieren muss, ist es viel leichter. Im Fall eines selbst fabrizierten Alltagsgegenstandes ist also tatsächlich der Weg auch das Ziel. Dieses alte Sprichwort ergibt insofern Sinn, da man den Zustand des „flow“ sehr gut nützen kann um einfach mal alle Probleme zu vergessen und sich zu entspannen.

 

UPCYCLING UND RESTEVERWERTUNG

 

Früher ist es mir ganz oft passiert, dass ich Dinge beinahe gekauft hätte, wenn er nur einen weiteren Ausschnitt hätte oder kürzere Ärmel oder einen Gummibund oder wasauchimmer. Aber es gibt eine ganz einfache Lösung für diese Probleme: die findet sich bei Upcycling und bei Nähtricks. Da lernt ihr alles, das ihr braucht, um euch selbst helfen zu können.

 

Auch die Resteverwertung zahlt sich total aus. Manche Unternehmen verkaufen ihre Reste nämlich zu einem Kilo-Preis oder verschenken sie sogar. Und diese Reste sind oft so groß, dass man sich leicht noch eine Tasche nähen kann! Stücke, die für Segelmacher oder Tapezierer nur mehr unbrauchbare Reste sind, sind in meiner Größenordnung noch immer ein einzigartiges Kleidungsstück oder eine Tasche. Ich habe ja gesagt, das Müll die Ressource der Zukunft ist, oder?

 

 

FÜR EINEN EINZIGARTIGEN GEGENSTAND

 

Das Ziel ist trotzdem auch das Ziel, da man dann einen einzigartigen Gegenstand in der Hand hält. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass jemand anderes genau auf die selbe Idee kam, wie man selbst. Besonders beim unglaublichen Angebot von Stoffen, kann ich mir oft nicht vorstellen, dass irgend eine andere Frau, die den selben Stoff gekauft hat, auch den selben Schnitt verwendet. Zwangsläufig entsteht also ein anderes Produkt.

 

Beim Textilen Gestalten gibt es unendlich viele Möglichkeiten mit unendlich vielen Ergebnissen. Klar, eine Physikerin wie meine Schwester würde mich jetzt darauf hinweisen, dass man das sehr wohl berechnen kann, wenn man alles zählt und multipliziert und in eine komplizierte Formel einfügt. Oder so. Aber ich meine, dass es unendlich viele Farben gäbe, die man selbst färben könnte. Und dann macht das die Berechnung schon sehr schwierig. Es gibt auch sehr viele Techniken und Variationen dieser Techniken: Flechten, Knüpfen, Weben, Stricken, Häkeln, Sticken, Applizieren, Drucken, Färben, Nähen, um mal einige zu nennen.

 

Für die Entstehung eines Stoffes braucht es Färben und Weben/Stricken: Eine der unendlich vielen Farben muss einmal gewählt werden. Beim Weben wiederum gäbe es so viele verschiedene Arten von Webmustern, dass man sich tagelang mit lernen beschäftigen müsste. Die Stoffe, die für T-Shirts und andere dehnbare Kleidungsstücke (außer Jeans) verwendet werden, sind aber gar nicht gewebt, sie sind gestrickt. Auch da eröffnen sich einem Möglichkeiten, von denen man beim Angebot in Billigketten gar nicht träumen könnte. Dafür muss man allerdings komplizierte Strickmaschinen betätigen und vor allem programmieren können.

 

Wenn der Stoff nur in einer Farbe und einer flachen Technik gewebt oder gestrickt wurde, gibt es wieder unendlich viele Möglichkeiten, ihn zu bedrucken. Oder viele Sticktechniken, mit denen der Stoff verziert werden kann oder der Druck erweitert werden könnte. Auch eine Applikation (also einen anderen Stoff darauf nähen) erweitert das Spektrum der Möglichkeiten. Schließlich und endlich gibt es unendlich viele Formen von Schnitten, mit denen das Stück Stoff in ein Kleidungsstück verwandelt wird. Damit wären wir beim Nähen und bei dem, das man selbst leicht beeinflussen kann. Beim Flechten und Knüpfen oder Weben von Armbändern geht es wohl genauso zu. Außerdem gibt es genauso eine Vielzahl von verschiedenen Perlen mit denen die unterschiedlichsten Schmuckgegenstände hergestellt werden könnten. Ich glaube, es wird schön langsam klar, warum man beim Selbermachen mit einem einzigartigen Gegenstand rechnen kann.

 

 

 

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Ich heiße Julia Bachleitner und beschäftige mich schon seit 16+ Jahren mit Mode. 

Meine liebste Beschäftigung ist anderen den Zauber vom selbermachen näherzubringen. Wem das zuviel wird: man kann auch nur lesen und fair kaufen!!