29, studiert und schon obsolet?

Gerade letztens, Anfang Jänner 2018, haben die gescheiten Menschen bei Claudia Reiterer "Im Zentrum" über die gescheiterten Menschen (Arbeitslosigkeit) diskutiert. Die neue Regierung will ja die Notstandshilfe abschaffen und Arbeitslose ziemlich gleich in die Mindestsicherung schicken. Das Absurde ist aber, dass sie andererseits meinen ins Eigentum zu investieren sei die beste Altersvorsorge. Was tun, wenn man mit 50 arbeitslos wird, sein Leben lang für's Eigenheim gespart hat und das jetzt verliert? Nun, das ist schon viel Pech und sollte so nicht vorkommen.

 

Aber jetzt will ich euch mal meine Geschichte erzählen. Meine Eltern und auch meine Oma haben mir immer wieder eingetrichtert, wie wichtig es ist eine Ausbildung zu haben, einen Titel. Ansonsten ist man niemand, war immer die Quintessenz davon. Also habe ich Bildnerische Erziehung und Textiles Gestalten auf Lehramt studiert. Ich denk, diese Seite beweist, dass mir das Textile recht Spaß gemacht hat. Auch wenn es nicht immer leicht war und Vieles zu sehr vom Aspekt der Kunst betrachtet wurde. Es hat mich geprägt und meinen oft sehr minimalistischen Stil geformt.

 

Was ich als total frustrierend empfinde, ist aber: Textiles Gestalten als Unterrichtsfach gibt es eigentlich nicht mehr. Was kann man schon mit zwei Stunden pro Woche in der ersten und zweiten Klasse AHS groß erreichen? Außerdem dauert es sicher nicht mehr lang bis Technisches Werken und Textiles Gestalten zusammengelegt werden. Das heißt zwei Stunden pro Woche für ein Jahr. Das war's! Jetzt gibt es viel zu viele Lehrer*innen für viel zu wenig Stunden. Und in Bildnerischer Erziehung gab es früher zwei Gruppen, also auch zwei Lehrer*innen pro Klasse. Jetzt nicht mehr. Also auch viel zu viele Lehrer*innen für viel zu wenig Jobangebote.

 

Ergo hab ich mir gedacht, ich probier es erst einmal mit Erwachsenenbildung. Im Internet boomt ja die Näherei ohne Ende...! Dafür kriegt man allerdings nirgends eine Anstellung. Alle haben zu wenig Geld und zu viel Risiko, wenn Kurse nicht stattfinden oder zuwenig besucht werden, was dann? Also muss man da auf Selbstständigkeit setzen. Auch wenn das meinen Eltern ganz und gar nicht einleuchtet. Die glauben, das Geschäft müsste schon längst total aufblühen. Sie müssen ja auch 22 Stunden pro Woche unterrichten, also warum bin ich so faul und tu nix? Vom Marketing und der damit verbundenen Zeit, die das in Anspruch nimmt: keine Rede. Zum Glück gibt es Menschen, die die Anlaufzeit von Selbstständigkeit aus eigener Erfahrung kennen. Die raten mir zu einem Teilzeitjob, was ja angenehm wäre.

 

Und jetzt wird's richtig zynisch. Beim einen Bewerbungsgespräch höre ich, dass ich überqualifiziert bin. Beim anderen, dass ich die falsche Qualifikation habe. Ich habe ja keine Ahnung, wie man etwas verkauft. Kenne mich mit Buchhaltung nicht gut genug aus. Habe nicht Modedesign studiert. Aber auch nicht Pädagogik. Da gibt es sogar rechtliche Vorschriften, wer angestellt werden darf und wer nicht. Ich bin auch keine Kindergartentante. Ich habe auch nicht Marketing oder Grafikdesign studiert. Und auch nicht Filmemacher. Außerdem nicht Journalismus. Und auch nicht Kunstgeschichte. Auch für Fotografie bin ich ungeeignet. Da habe ich dann zum ersten Mal eingehakt und gesagt: "Hören Sie, das stimmt so nicht! Wenn jemand, der tatsächlich Fotograf ist, mit mir redet, merkt er ganz schnell, dass ich mich da ziemlich gut auskenne!" Hundert Seiten Diplomarbeit über Erkennungsmerkmale von sehr guten Fotografien habe ich nicht umsonst geschrieben!! Und ständige Praxis beim Fotografieren bringt einen weiter wie sonst gar nichts. Mit einem Balkon und einer Amateur-Spiegelreflexkamera als Grundausstattung für Produktfotografie wird's schwierig professionelle Fotos hinzukriegen. Das kann euch jeder Fotograf bestätigen.

 

Die Krux ist nämlich die: ich habe von all den oben genannten Berufen eine Ahnung. Ich interessiere mich auch für all das und mehr! Außerdem bin ich so perfektionistisch veranlagt, dass ich mich binnen kürzester Zeit einarbeiten möchte. Und den größten Teil meines Studiums hat eh genau das ausgemacht: Lehramt heißt im Endeffekt sich selbst in Themen und Fähigkeiten so weit einzuarbeiten, dass man sie sogar anderen beibringen kann. Ob ich jetzt Wissen für Schüler*innen aufbereite oder für einen Film oder einen Zeitungsartikel - hängt davon ab was es nachher werden soll. Darauf kann ich mich einstellen. Andererseits: ist da wirklich ein so irrer Unterschied, ob ich Kindergartenkinder oder Jugendliche betreue? Auf die Bedürfnisse der jeweiligen Menschengruppe muss man eingehen können, oder? Und für ein gewisses Maß an Ordnung sorgen können, oder? Unfähig bin ich nicht, nein. Ich fühle mich nur nach all diesen Erfahrungen so.

 

Ein Angestellter in einem Altersheim hat das mit der Überqualifikation dann auf den Punkt gebracht. Ich hätte dort putzen und Essen herrichten sollen. Als er gehört hat, dass ich mein Studium abgeschlossen habe, hat er nur gefragt: "Ja und was soll das hier??!? Willst du uns verarschen, oder?!!?" Das ist ziemlich genau die Resonanz, die ich bei allen Bewerbungsgesprächen habe.

 

CONCLUSION

Aber der Punkt ist doch eigentlich, dass man sich nicht selbst aufgeben darf. Die Amerikaner haben da so einen netten Satz: "be careful what you wish for - you might just get it!". Wahrscheinlich spielt einem das Unterbewusste oft echt übel mit.

 

Außerdem würde ich zu gern wissen, ob ich die Einzige bin der es so geht? Ich wünsch es euch wirklich nicht, aber wenn ihr in einer ähnlichen Lage seid, oder mit eurem Job unzufrieden seid oder ihr auch lieber Künstler wärt... wie auch immer: schreibt mir einfach!