Genug kann nie genügen?

Vor kurzem hat mir mal jemand gesagt, dass ich mit meiner Idee mit den Nähkursen sicher nicht reich werde. Und ich habe nichts besseres im Kopf als ihn zu fragen, was das schon ist? Meiner Meinung nach ist es viel wichtiger dafür zu sorgen, dass es der Familie und einigen Freunden gut geht, indem man für sie da ist. Und natürlich muss ich dafür sorgen, dass ich genügend Geld verdiene, um über die Runden zu kommen. Aber ich mag meinen 17 Jahre alten Corsa viel lieber als alle anderen ihre Autos, auch wenn sie 120 000 Euro dafür zahlen. Das habe ich gesagt?! Seit daher beschäftigt es mich, was mich zu so einer Aussage veranlasst?

 

Also von vorne: Die Zustände in der Textilindustrie schockieren mich. Als der Einsturz von Rana Plaza durch die Medien ging, waren so ziemlich alle, die ich kenne, gleichermaßen schockiert. Das war das Fabriksgebäude einer Näherei in Bangladesch, bei dessen Einsturz so viele Mitarbeiter ums Leben kamen. Gerade letztens habe ich im ORF Weltjournal eine Dokumentation über Kreuzfahrtschiffe gesehen (26. 7. 2017), bei der klar wurde, dass die nicht nur ihren Müll in Plastiksäcken ins Meer schmeißen, sondern auch arbeitsunfähige Mitarbeiter ohne Schadensersatz oder entsprechender Operation ihrem Schicksal überlassen. Einer der Mitarbeiter auf einem dieser Kreuzfahrtschiffe hat sich bei einem Unfall ZWEIMAL die Wirbelsäule gebrochen!!! Und was passiert? Er wird ins Krankenhaus gebracht und operiert? Bei uns vielleicht.... Aber dieser wurde mitsamt seiner noch immer doppelt gebrochenen Wirbelsäule zurück nach Indien geschickt!! Wie kann man ernsthaft guten Gewissens so handeln?!?!! Einen Menschen wie ein Stück Müll einfach wegschmeißen? Nur um sich Geld zu sparen...? Also mir ist diese Profitgier der Großkonzerne völlig schleierhaft und ein richtiger Dorn im Auge.

 

Ich frage mich oft, was die dann mit dem ganzen Geld machen, das sie nicht verdienen aber haben, weil sie andere Menschen ausbeuten? Oder irgendetwas geerbt haben? Oder sonst wie auch immer zu einer großen Geldmenge gekommen sind?

Einen Luxuspalast bauen? Wozu? Weil ich kann? Aber so wie ich mich kenne würde ich in diesem Luxuspalast genauso wie in der Mietwohnung auf meiner alten Matratze schlafen, die saugemütlich ist. Ich würde auch meine Nähmaschinen auf denselben alten Tisch stellen, den mir mein Vater vor 15 Jahren gebaut hat. Und überhaupt eh alles so lassen wie es ist. Es sind ja schöne Dinge, die irgendwie auch meine Identität ausmachen.

Ein teures Auto kaufen? Nirgendwo sonst ist der Wertverlust so hoch... und mein Corsa bringt mich eh sehr zuverlässig ans Ziel.

Reisen? Die Welt sehen? Ja, gern! Aber was wäre dann? Dann würde ich auf die Suche nach Stoffen gehen, die ein tolles Muster haben. Oder nach Materialien, mit denen man tolle Stoffe weben, stricken, färben oder bedrucken kann. Ja und weiter? Würde ich den, der diese Stoffe produziert, unterstützen wollen und versuchen diese auch in Österreich zu verkaufen. Also ende ich zwangsläufig eh in einer Geschäftsreise... die ich ohne Reichtum auch machen kann/soll/muss.

Einen teure Kamera? Kostet auch nicht zuviel... wäre aber genial. Oder ein teurer E-Bass? Das würde mich schon interessieren, aber ich seh es schon kommen, dass ich ohne Band und ohne Geselligkeit nicht spielen würde.

Ach so, die teuren Nähmaschinen!?! Aber die alten Gebrauchten sind oft zuverlässiger und übersichtlicher, als teure Neue. Außerdem ist das auch eine Betriebsausgabe, wie das Reisen.

 

Aber wie kommt es, dass ich so zufrieden bin mit dem, was ich habe? Und genug manchmal doch genug ist, und nicht - wie Konstantin Wecker singt - nie genügen kann? Ich habe herausgefunden, was meine Träume sind. Für die brauche ich schon ein bisschen Geld, aber das hat mit Reichtum noch nichts zu tun. Und ich arbeite eigentlich ziemlich unermüdlich daran, mir diese Träume zu erfüllen. In den USA war ich schon, ein Auto habe ich auch. Mein Studium konnte ich letzten Endes doch noch abschließen, auch wenn es lang so aussah, als würde das nie fertig werden. Vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet, dass es nie fertig wird. Und jetzt träume ich davon, dass unglaublich viele Leute zu mir kommen, um selbst nähen zu lernen. Und ich davon leben kann, dass ich anderen das beibringen darf, was ich am Liebsten tu. Alles, was mir dafür noch fehlt, kann man als Betriebsausgabe definieren. Nicht als Gewinn oder Profit.

 

Und warum man sich seine Träume so schnell wie möglich erfüllen sollte, hat auch Konstantin Wecker sehr treffend formuliert: Wenn mein Ende nicht mehr weit ist, ist der Anfang schon gemacht. Weil's dann keine Kleinigkeit ist, ob die Zeit vertane Zeit ist, die man mit sich zugebracht (Wenn der Sommer nicht mehr weit ist). Plötzliche Todesfälle von jungen Menschen können einem da auch ganz schön die Sporen in die Flanken drücken. Aber das ist eine zu lange Geschichte, die hier nicht als Ganzes erzählt werden muss.

 

Da war noch was... Ja, genau! Die Freunde und Familie, denen es gut gehen soll und mit denen man sich gern trifft und mit ihnen über ihre Probleme redet. Aber die gehören zu den Grundbedürfnissen eines Menschen. Davon sollte man nicht nur träumen, die sollte man einfach haben. Auch wenn's manchmal richtig harte Arbeit sein kann.