Warum will ich alles selber machen?

Es gibt vier Gründe, warum. Einerseits kreirt man beim Selbermachen ein einzigartiges Qualitätsprodukt, das man als Einzige(r) besitzt. Andererseits kann man dabei auch gut die Welt und alle anderen Probleme vergessen und sogar ein bisschen etwas gegen die Probleme der Welt tun.

Die Argumente gegen das Selbermachen lassen sich auch relativ leicht widerlegen. Selbst wenn man Meterware kauft, kostet ein kurzärmeliges Shirt selten mehr als 8 Euro. Ein Pullover kostet 15 Euro, da die Ärmellänge separat hinzukommt. Eine Hose auch. Ein fertiger Schnitt kostet nochmal 8-9 Euro, den kann ich aber auch hundert mal verwenden, wenn mir der Sinn danach steht. Wenn ein Schnitt einmal passt, neige ich dazu ihn wieder und wieder zu verwenden.

Das andere häufige Argument ist der Zeitaufwand, da ich das Kleidungsstück zuschneiden und zusammennähen muss. Jetzt aber mal ehrlich: wie viel Zeit geht dafür drauf im Massenangebot das passende Kleidungsstück zu finden? Ich traue mich zu wetten, dass Selbermachen schneller geht!!

 

Und dann kommt noch die Geselligkeit dazu. Eine der besten Sachen ist es immer ein paar Freundinnen zu haben, die mitmachen. Dann trifft man sich - statt Shoppen und Schwätzen - zum Nähen und Schwätzen und hat eigentlich gleich viel Spaß. Was euch wichtiger ist, nähen oder schwätzen, müsst ihr selbst entscheiden. Die meinigen helfen mir aber auch immer, wenn ich grad mal nicht weiterweiß. Rot oder schwarz? Saumnaht oder Bündchen? Eine solche Entscheidung ist manchmal gar nicht so leicht...

 

Ein Qualitätsprodukt kreiren.

Heutzutage bekommt man hauptsächlich billige Produkte, die uns in Luxus schwelgen lassen sollen.

 

Billiges Produkt = billigste Materialien und fast schon unbezahlte Arbeitszeit (Bangladeschi) = kürzeste Lebensdauer = billiges „Klumpad“. Mich ärgert es fürchterlich, wenn ich mir doch einmal einen neuen Pullover zulege und dann nach wenigen Wochen feststellen muss, dass der schon ausleiert! Das darf doch nicht wahr sein!!! Wenn ich schon etwas Neues kaufe, will ich es auch einige Jahre mit Freude genießen können. Der sicherste Weg ist deshalb etwas selbst zu machen. Da weiß ich, was ich für eine Schneiderin habe. Ich bin dann tatsächlich die Einzige, die was falsch gemacht haben kann. Wenn der Stoff zu schnell ausleiert, kauf ich ihn das nächste Mal sicher nicht mehr. Diesees Produkt hält dann länger und kostet weniger als ein hochwertiges Stück Design.

 

Qualitätskriterien

  • das Produkt muss langlebig sein

  • Nahtzugaben um es zu vergrößern

  • teure Stoffe oder Leder oder Spenden und Resteverwertung

  • 100% gerade Nähte und Zuschnitt

  • fehlerfreie, bestmögliche Verarbeitung

  • gute Reißverschlüsse

Schillernd aufgepeppte Resteverwertung

Recycling von alten Kleidungsstücken bereitet einem leider meistens nur Kopfschmerzen. Irgendwann habe ich den ganzen Kram gepackt (alles, was noch ein ganzes Kleidungsstück ist) und an eine von diesen Organisationen gespendet. Sie behaupten zwar, dass sie es in Europa billig verkaufen, aber ob das stimmt ist wieder eine andere Sache. Die meisten Altkleider gehen nach Afrika, was einmal einen eigenen Blogeintrag wert wäre. Mir ging es dabei drum Altlasten loszulassen. Der Punkt ist, alte Kleider umnähen würde mir zwar mein Müll-Gewissen erleichtern, aber meistens finde ich die Ergebnisse sehr frustrierend. Das ist die ganze Arbeitszeit und die vielen guten Ideen nicht wert.

 

Resteverwertung hingegen zahlt sich total aus. Manche Textilunternehmen verkaufen ihre Reste zu einem Kilo-Preis, das heißt oft dass man für Unmengen neuwertigem Stoff nur 5 Euro pro 1000g zahlt. Eine meiner Taschen wiegt im Schnitt 300g, da gehen sich unter den richtigen Umständen drei einzigartige Taschen für 5 Euro aus! Was für die Möbelgeschäfte, Segelmacher und Stoffverkäufer nur mehr ein unbrauchbarer Rest ist, ist in meiner Größenordnung noch immer eine schicke Tasche oder eine coole Jacke. Erleichtert das Müll-Gewissen auch. Grins.

 

Um die Welt zu vergessen

Während der Arbeit verfällt man in einen ganz eigenartigen Zustand, der einen den alltäglichen Stress und alle Probleme vergessen lässt. Mihaly Czikszentmihaly beschreibt diesen Zustand mit dem Wort „flow“, was soviel heißt wie fließen. Es ist tatsächlich eine sehr gute Beschreibung, da alles so vor sich hin fließt, man fängt irgendwo an und plötzlich ergibt sich alles von selbst. Beim Design eines Gegenstandes kann man das nicht immer erleben, man stößt auf Steine im Fluss. Aber sobald man mit dem Nähen, Flechten, Knüpfen, … usw. beginnt, stellt sich das Gefühl des „flow“ ein. Man ist ganz bei sich und seinem Gegenstand, der Blick fokussiert sich total auf die Arbeit. Die Menschen, die mit einem immer sprechen und einem auf die Nerven gehen wollen, verschwinden in einer Art Nebel, bis man sie nicht mehr sehen kann und sie völlig vergisst. Dieser Zustand oder das Gefühl erreichen die buddhistischen Mönche in Ostasien durch Meditation. Eine erleichterte Form der Meditation ist das, was ich hier beschreibe: da man immer einen Gegenstand und einige Gedanken dazu im Fokus hat und sich nicht auf die Leere und das Nichts-Denken konzentrieren muss, ist es viel leichter. Im Fall eines selbst fabrizierten Alltagsgegenstandes ist also tatsächlich der Weg auch das Ziel. Dieses alte Sprichwort ergibt insofern Sinn, da man den Zustand des „flow“ sehr gut nützen kann um einfach mal alle Probleme zu vergessen und sich zu entspannen.

 

Für einen einzigartigen Gegenstand

Das Ziel ist trotzdem auch das Ziel, da man dann einen einzigartigen Gegenstand in der Hand hält. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass jemand anderes genau auf die selbe Idee kam, wie man selbst. Besonders beim unglaublichen Angebot von Stoffen, kann ich mir oft nicht vorstellen, dass irgend eine andere Frau, die den selben Stoff gekauft hat, auch den selben Schnitt verwendet. Zwangsläufig entsteht also ein anderes Produkt.

 

Beim Textilen Gestalten gibt es unendlich viele Möglichkeiten mit unendlich vielen Ergebnissen. Klar, eine Physikerin wie meine Schwester würde mich jetzt darauf hinweisen, dass man das sehr wohl berechnen kann, wenn man alles zählt und multipliziert und in eine komplizierte Formel einfügt. Oder so. Aber ich meine, dass es unendlich viele Farben gäbe, die man selbst färben könnte. Und dann macht das die Berechnung schon sehr schwierig. Es gibt auch sehr viele Techniken und Variationen dieser Techniken: Flechten, Knüpfen, Weben, Stricken, Häkeln, Sticken, Applizieren, Drucken, Färben, Nähen, um mal einige zu nennen.

 

Für die Entstehung eines Stoffes braucht es Färben und Weben/Stricken: Eine der unendlich vielen Farben muss einmal gewählt werden. Beim Weben wiederum gäbe es so viele verschiedene Arten von Webmustern, dass man sich tagelang mit lernen beschäftigen müsste. Die Stoffe, die für T-Shirts und andere dehnbare Kleidungsstücke (außer Jeans) verwendet werden, sind aber gar nicht gewebt, sie sind gestrickt. Auch da eröffnen sich einem Möglichkeiten, von denen man beim Angebot in Billigketten gar nicht träumen könnte. Dafür muss man allerdings komplizierte Strickmaschinen betätigen und vor allem programmieren können.

 

Wenn der Stoff nur in einer Farbe und einer flachen Technik gewebt oder gestrickt wurde, gibt es wieder unendlich viele Möglichkeiten, ihn zu bedrucken. Oder viele Sticktechniken, mit denen der Stoff verziert werden kann oder der Druck erweitert werden könnte. Auch eine Applikation (also einen anderen Stoff darauf nähen) erweitert das Spektrum der Möglichkeiten. Schließlich und endlich gibt es unendlich viele Formen von Schnitten, mit denen das Stück Stoff in ein Kleidungsstück verwandelt wird. Damit wären wir beim Nähen und bei dem, das man selbst leicht beeinflussen kann. Beim Flechten und Knüpfen oder Weben von Armbändern geht es wohl genauso zu. Außerdem gibt es genauso eine Vielzahl von verschiedenen Perlen mit denen die unterschiedlichsten Schmuckgegenstände hergestellt werden könnten. Ich glaube, es wird schön langsam klar, warum man beim Selbermachen mit einem einzigartigen Gegenstand rechnen kann.