Die langen Schatten der Angst - Teil 1

 

Für Vero.

Wir kriegen das schon hin!

 

Um überhaupt etwas Neues auszuprobieren, muss man sich die Sache erst einmal zutrauen. Um sich etwas zutrauen zu können, muss man mit Fehlern und Kritik gut umgehen können. Da man - gefühlt - ständig Fehler macht und viel Kritik vertragen muss, wenn man etwas Neues lernt. In meinen Augen haben wir aber den falschen Umgang mit Fehlern und Kritik gelernt. Ich glaube, ich bin nicht allein, wenn ich sage, dass ich diel Angst vor Fehlern und Kritik gut kenne. Aber irgendwann ist mir aufgefallen, dass Fehler was Gutes sein können und Kritik einem prinzipiell weiterhelfen könnte.

 

Um in einem Fehler etwas Gutes sehen zu können, muss man ihn sich erst einmal eingestehen. Um dies zu veranschaulichen will ich euch einen meiner größten Fehler eingestehen. Ich habe immer gemeint, ich müsste alles allein hinkriegen. So war es auch bei meinem alten Logo, das blöderweise meiner auch sehr künstlerisch-kreativ talentierten Mutter genau gar nicht gefallen hat. Ich war ganz schön fertig, ehrlich gesagt, weil mir einfach nichts Besseres eingefallen ist. Aber was tut sie? Sie überredet eine Freundin mir ein Logo zu zeichnen. Völlig aus dem Nichts und total unerwartet hat die mir ein Mail mit meinem neuen Logo geschickt, obwohl sie eigentlich grad voll im Stress war. Ich hab das Ding angeschaut und mir eingestehen müssen, dass ich einen Fehler gemacht habe, indem ich mir auch das selbst aufgehalst habe. Der aber in dem Fall zu einem total coolen Logo geführt hat, das ich nie wieder missen möchte...!

 

Diese Coolness bei Fehlern habe ich mit Sicherheit beim Selbernähen gelernt. Momentan lerne ich mir gerade, wie man Reißverschlüsse in Schlitze einnäht. Ursprünglich habe ich die Reißverschlüsse immer ausgelassen, weil sie mir nur auf die Nerven gehen. Und bei dehnbaren Stoffen habe ich mir das Einnähen von Reißverschlüssen sowieso nicht zugetraut (da müsste man heften... aber das ist an sich nur für Feiglinge! Manchmal möchte ich blöd grinsende Emoticons einfügen...). Mit dem Schrägband zum Aufbügeln geht das Einnähen von Reißverschlüssen zum Glück viel schneller und es wird sehr schön. Beim ersten Jackenreißverschluss habe ich noch eine einfache Steppnaht gemacht, diese aber dann sofort wieder verworfen, weil es mit der Zwillingsnadel besser geht. Beim ersten Reißverschluss-Schlitz habe ich mir gedacht ich brauche mehr Nahtzugabe als üblich. Es hat sich leider herausgestellt, dass weniger Nahtzugabe als üblich rein gehört...

 

Ihr seht also, dass einem Fehler immer wieder unterlaufen. Aber gerade beim Nähen ist das gar nicht so tragisch, weil sich immer Lösungen für ein Problem finden. Keine Angst, diese Lösungen tüftle ich zu 96% aus, bevor ich etwas als Kursprogramm anbiete. Ein bisschen Raum für Fehler muss ich mir auch hier zugestehen, sonst biete ich möglicherweise nie einen einzigen Nähkurs an.

 

Das andere ist die Angst vor Kritik. Kritik sollte eigentlich immer gut gemeint sein und einem weiterhelfen. Manchmal kommt sie aber ganz und gar nicht als gut gemeint ersichtlich daher. Dann ist es ganz schön schwer, die Kritik richtig anzunehmen. Dieses Bewusstsein für Kritik und vor allem für wünschenswerte Verbesserungsvorschläge kann man nur langsam entwickeln. Ich muss mir auch immer wieder in Erinnerung rufen, dass etwas nicht bös gemeint ist.

 

Das grundsätzliche Problem bei Fehlern und Kritik ist der Perfektionismus, der uns schon von klein auf eingetrichtert wird. Ich mein, wenn man beim Französisch-Test nicht mal zwei Fehler machen darf ohne eine schlechtere Note zu bekommen? Wo soll das sonst hinführen?!  Perfektionismus ist an sich eh keine schlechte Sache, aber es gibt auch hier zwei Seiten der Medaille: die eine ist positiv, die andere negativ.

Hier muss ich die Wikipedia Definition bemühen um mich verständlich zu machen: "Perfektionismus ist ein psychologisches Konstrukt, das versucht, übertriebenes Streben nach möglichster Perfektion und Fehlervermeidung zu erklären [...]. Einigkeit besteht darin, dass man Perfektionsstreben im Wesentlichen als ein Konstrukt mit Ausprägungen in zwei Dimensionen auffassen kann: [Erstens gibt es das] Streben nach Vollkommenheit (perfektionistisches Streben): [es] fasst unter anderem die Eigenschaften hohe persönliche Standards und Organisiertheit zusammen. [Zweitens gibt es die] übertriebene Fehlervermeidung (perfektionistische Besorgnis): [sie] umfasst u. a. die Eigenschaften Leistungszweifel und Fehlersensibilität, aber auch Angst vor Bewertung, besonders durch Eltern.

 

Dabei wird ein Perfektionsstreben mit einer hohen Ausprägung in der Dimension des perfektionistischen Strebens, aber einer niedrigen Ausprägung in der Dimension der perfektionistischen Besorgnis als gesundes oder funktionales Perfektionsstreben bezeichnet, wogegen eine hohe Ausprägung in beiden Dimensionen mit einem ungesunden oder dysfunktionalen Perfektionsstreben in Zusammenhang gebracht wird. Letzteres wird als Perfektionismus benannt."

 

Das hört sich zuerst einmal ganz schön kompliziert an. In meinen Augen ist die erste "Dimension", die die mich dazu antreibt meine Arbeit immer ein bisschen besser zu machen als beim letzten Mal. Gerade wenn es um künstlerische und designerische Weiterentwicklung geht, braucht man diese Form des Perfektionismus sehr dringend.

 

Mit der zweiten "Dimension" ist wahrscheinlich Angst vor dem Versagen gemeint, diese Angst steht mir eigentlich nur im Weg rum und hindert mich daran, etwas überhaupt zu versuchen. Diese Art von Perfektionismus verträgt auch keine Kritik. Darin gefangen habe ich mich nur von meinem Gegenüber angegriffen gefühlt und geglaubt ich bin (noch immer) viel zu schlecht.

 

Am Besten beschreibt den Unterschied Mark Knopfler (Zitat links): "Wir probieren vieles einfach aus [...] und es hängt immer ein großes Fragezeichen über allem, das wir probieren. Das ist cool! Ich denke oft, es ist nur ein Versuch, wir versuchen hier etwas. Aber das ist alles, was es ist. Es ist nie vollendet."

Er muss schon auch ein ziemlicher Perfektionist sein, sonst hätte er es nicht zu solch genialen Soloalben gebracht. Aber er besitzt trotzdem die Coolness zu sagen, dass man nichts absolut perfekt hinkriegen kann. Ich glaube er meint damit, dass es schon immer noch besser und noch schöner ginge. Aber zwischendurch ist es einfach auch so gut genug.

Die gute Nachricht ist: wer bei mir einen Nähkurs macht, muss sich also nicht vor Fehlern fürchten. Das einzige, das passieren kann, sind schiefe Nähte. Aber das passiert allen und auch ich habe viel geübt, um sie gerade hinzukriegen. Das Eine darf man nämlich auf keinen Fall vergessen: wir haben alle klein angefangen! Auch die berühmtesten Designer haben vor einigen Jahren einmal die geraden Nähte geübt. Manche haben es zwar schneller, aber was zählt ist der Wille. Und sollte ich es einmal vergessen, dass meine erste Tasche ziemlich schief war, erinnert mich bitte daran!

Vor Kritik solltet ihr euch vielleicht schon fürchten? Aber da hilft es, sich dumm zu stellen!! Spaß beiseite, wenn ihr euch mit etwas nicht sicher seid, kann ich euch garantiert weiterhelfen!

 

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